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Der 70jährige Wiener Architekt Hermann Czech hatte schon in jungen Jahren eine andere Vorstellung von dem, was zeitgemäss sei: Im Aufbruchjahr 1967 von einer Firma dazu eingeladen, ein Möbel für das Jahr 2000 zu entwickeln, schrieb er freundlich zurück, man solle sich doch bitte 1997 noch einmal an ihn wenden.
Kurz darauf konstatierte COOP Himmelblau: «Architektur muss brennen» und Hans Hollein doppelte nach mit: «Alles ist Architektur». Ihr listiger Zeitgenosse Hermann Czech konterte mit seinem nicht weniger berühmt gewordenen «Architektur ist Hintergrund» – und wurde auch promt kein so genannter Stararchitekt. Seine Haltung ist, oberflächlich besehen, wenig sexy: Eine bewährte Form, ob Stuhl, Haus oder Stadt soll erst durch eine neue ersetzt werden, wenn diese besser ist als die alte – so das Diktum von Adolf Loos, Czechs Grossvater im Geiste. Nicht revolutionär wie die Kunst sei die Architektur, sondern konservativ, dienend und für Bequemlichkeit sorgend, kurz: Hintergrund für die Belange des Menschen. «In gewissem Sinn ist jedes Werk eine Ausnahme», sagt Czech. Sein «ungleichartiges» Œuvre, wie er es nennt, gibt ihm Recht: Wohnhäuser, Umbauten, Ausstellungen, städtebauliche Planungen, eine Schule, eine Brücke und seit 2005 auch ein Messehotel – das meiste davon in Wien und alles ohne erkennbaren Stil. Allerdings mit eben jener Haltung ausgeführt, die sich am besten anhand eines guten Dutzends Wiener Gasthäuser erläutern lässt. Orte wie das Kleine Café oder das MAK-Café haben Czech, zumindest in Architektenkreisen, berühmt gemacht. Zur Schweiz hat der Wiener schon lange eine enge Beziehung. Wohl auch, weil man hier seine diskreten, aber immer auch abgründigen Entwürfe mehr schätzt als anderswo. 1996 widmete ihm das Architekturmuseum Basel eine Retrospektive und werk, bauen + wohnen eine monografische Ausgabe. Hier kann man sich ein längeres Gespräch mit dem Architekten aus dem österreichischen Radio anhören. Hermann Czech wird weiterhin im Lesezirkel Hönggerberg über Architekturbücher debattieren. Der 10. Lesezirkel findet statt am 26.11. um 18h30 im Cabaret Voltaire in Zürich. Die Publikation über seine Lehrtätigkeit an der ETH Zürich erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2008. |
Verwirrung als Lehrkonzept Der Wiener Hermann Czech beendete soeben eine dreijährige Lehrtätigkeit als Gastprofessor an der ETH Zürich. Axel Simon sprach mit ihm über seine Erfahrungen. Wie beurteilen sie die ETH als Ort Architektur zu lehren? Die ETH hat eine gute Mischung an Verschulung, also Struktur, Studienplan, und andererseits freie Möglichkeiten in der Lehre. Das finde ich sehr gut. Was könnte man besser machen? Ich kann noch nicht beurteilen, was die Umstellung auf den Bachelor/Master-Studiengang mit sich bringt. Einer Rationalisierung der Bildung im Sinne der Brauchbarkeit auf dem Arbeitsmarkt sehe ich mit Skepsis entgegen. Aber man kann sich nicht eine andere Welt wünschen. Hermann Czech in seinem Atelier hoch über den Dächern Wiens (Bild: David Pasek)Wodurch zeichnet sich der Zürcher Student aus? Ich glaube, dass der Unterschied zwischen den einzelnen Studenten immer noch grösser ist als der zwischen den Hochschulen. Ich habe nicht soviel Erfahrung mit der gegenwärtigen Ausbildung in Wien. Aber wenn ich es mit Harvard vergleiche, wo ich vor über einem Jahrzehnt gelehrt habe, ist es kein grosser Unterschied. Eine immer wieder auftauchende Kritik ist der mangelnde Austausch der Professuren untereinander. Das ist richtig. Es mag das ein Nachteil der Verschulung sein; vielleicht auch mangelnde Initiative zu übergreifenden Studienprogrammen — ich werfe mir das auch selber vor. An sich ist die Mehrschichtigkeit des Studienplans — also etwa Vorlesungen, Entwurfsstudios und Seminarwochen — ein gutes Potential. Aber die von den einzelnen Lehrstühlen angebotenen Seminarwochen sind zu einem Reisebüro mutiert; es ist fast unmöglich, eine Seminarwoche in Zusammenhang mit einem Entwurfsstudio zu bringen. Czech und die Schweiz I: Meili Peter luden Czech und Adolf Krischanitz ein, die Räume ihres Swiss Re Centre for Global Dialogue in Rüschlikon einzurichten. Die «Czech-Bar» ist eine augenzwinkernde Homage des Wieners an sich selbst. (Bild: Walter Mair)Waren die Studenten mit Ihnen zufrieden? Manche Studenten waren während des Semesters lange irritiert, weil sie keine genauen Vorschriften bekommen haben. Einzelne haben unter Umständen erst in der Schlusskritik verstanden, wie es gemeint war. «Aspekte der Verwirrung» ist auch der Arbeitstitel der Publikation, die wir derzeit erarbeiten und die unsere sechs Semester an der ETH dokumentieren soll. Interessant ist ein sprachlicher Unterschied: In Wien heisst das Gespräch des Lehrenden über das Projekt «Korrektur», hier spricht man von «Kritik». Also brauche ich hier nicht zu sagen, wie es besser geht, ich brauche nur zu sagen, was schlecht ist. (lacht) Und das haben Sie auch gemacht. Ich hab früher auch nicht gesagt, wie es besser geht. Ich bringe einen Entwurfsbeitrag höchstens als Vorschlag. Das ist den Studenten auch vielleicht abgegangen, manchen. Die wollten hören, wie sie es machen sollen. Es kommt mir aber nicht in erster Linie aufs Ergebnis an; für wichtiger halte ich die Erfahrungen, die der Student oder die Studentin am Weg bis zu diesem Ergebnis macht. Die können auch in einem Scheitern bestehen — partiell oder gänzlich. Es ist nämlich gleichgültig, wo der Student anfängt; er hat sich ja schon zuvor irgendwelche Vorbilder gesucht, Formen, Doktrinen, Klischees — was immer. Wichtig ist nur, den Moment zu erkennen, wo das gewählte System nicht mehr ausreicht, es dann zu relativieren und weitere Kriterien einzuführen. Der Lehrer nimmt also die eingebrachten Motivationen des Studenten einmal ernst, zeigt aber auf, wo sie nicht ausreichen. Er hat aber — so wie ich es verstehe — auch selbst kein vollständiges System und lebt die Relativierung vor. Ich bewundere die Leistung mancher anderen Lehrstühle, da gibt es Publikationen, die ausschauen wie aus einem Guss. Ergebnisse wie bei Hans Kollhoff, auch bei Miroslav Šik, muss man ja früh anlegen, da muss man Richtlinien vorgeben, was herauskommen soll. Auch solche — im guten Sinn — Indoktrinierungen sind wichtige Erfahrungen der persönlichen Entwicklung. Ich bin eher am anderen Ende der Skala: Ich sage bis zum Schluss nicht, was die Studenten machen sollen. Czech und die Schweiz II: Das Wiener MAK-Café, wie es vor zwei Jahren noch aussah. Dann ersetzte man Czechs Werk durch ein modisches Interieur des ETH-Professors Gregor Eichinger.Hat sich in den drei Jahren ihr Blick auf die Schweiz verändert? Unbedingt. Schon allein, weil ich ja vorher viel schlechter informiert war. Wie sieht er aus, der Blick? Viel differenzierter. Wir haben eine Seminarwoche „Architekturkritik” gemacht, also ein echtes Seminar wie in den Anfängen dieser Einrichtung an der ETH in den frühen 70er-Jahren — in Zürich, ohne Reise. Da haben wir zum Beispiel auch den Architekturkritiker Peter Meyer behandelt. Das ist jemand, den ich vorher nicht gekannt habe, den übrigens auch viele Studenten hier nicht mehr kennen. Was könnte Zürich von Wien lernen? Sicher nicht die grossmassstäbliche Entwicklung; Wien ist dabei, sein urbanistisches Potential zu verzetteln. Nein, ich würde in manchen Dingen sogar sagen, dass Wien von Zürich lernen könnte; jedenfalls scheint mir die öffentliche Diskussion ausserhalb kommerzieller Interessen leichter möglich. Czech und die Schweiz III: Noch einmal das Swiss Re Centre for Global Dialogue – LC goes Rokoko (Bilder: Margherita Spiluttini)Bedauern sie, dass sie nun nach drei Jahren gehen?
Angesichts der hohen Zahl an möglichen kompetenten Lehrern kann man nicht versuchen, aus einer Gastprofessur eine Dauerstelle zu machen. Mir hat die Zeit sehr gefallen. Was Lehre betrifft, war es meine schönste Zeit. Ich bin nicht froh, dass es vorbei ist, nein. Axel Simon |
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